Stellungnahme zum Papier des S38

Internationalistischer Abend, Entgegnung von Ende September 2009

Ihr schreibt: seit einigen Jahren existiere ein unausgesprochener Konflikt zwischen Haus und Kneipenkollektiv, speziell zum Internationalistischen Abend (IA), und seid nicht in der Lage eine vernünftige Lösung dazu zu entwickeln.

Das überrascht uns auch gar nicht, denn dazu wart ihr auch nicht in der Lage, als andere langjährig im Kneipenkollektiv engagierte MitstreiterInnen das Handtuch geworfen und ihre Mitarbeit eingestellt haben, weil sie keinen Bock mehr hatten, sich gegen die Querschüsse von einzelnen HausbewohnerInnen gegen Vorhaben des IA, oder gegen autoritäres Auftreten von Hausleuten im Schnarup-Thumby Kneipenplenum, zur Wehr zu setzen. Die Kritik dieser Ausgestiegenen an Eurer Machtpolitik gegenüber dem Kneipenkollektiv habt ihr wohlweislich unterschlagen.

PDF Version

In der Regel werden bei den Veranstaltungen soziale Bewegungen, ihre Kriminalisierung, Verfolgung sowie geschichtliche Ursachen und Hintergründe oder Menschenrechtsverletzungen thematisiert. Mit den Veranstaltungen soll außerdem über die Ziele von existenten kämpfenden Linken in allen Ländern berichtet werden. Angesichts der erstarkten weltweiten Proteste und des Widerstandes gegen die Globalisierung ist es uns ein besonderes Anliegen, dass die Linke über alle Grenzen und Vorurteile hinweg wieder dazu kommt, zusammen zu kämpfen, egal ob hier in den Metropolen oder woanders in den Ghettos, den Bergen oder im Urwald.
Da ist es auch nur logisch, dass wir die Knastbedingungen nicht nur hier, sondern auch in anderen Ländern aufzeigen und den Widerstand dagegen thematisieren.
Veranstaltungen mit ReferentInnen aus Solidaritätsgruppen oder von Befreiungsbewegungen aus den jeweiligen Konfliktländern werden von euch in Grund und Boden verdammt („unerträglich“) und gleichzeitig bewusst die politischen Veranstaltungen in Zusammenarbeit aus sich selbst linksradikal definierten anarchistischen Kreisen, wie u.a. Anarchists against the wall, ABC oder Anarcho-SyndikalistInnen wie der FAU zu selbstorganisierten Arbeitskämpfen, oder griechischen AnarchistInnen in Eurem Papier verschwiegen.
Was da der Satz in Eurem Papier soll, der IA würde das Haus wahlweise als antideutsch oder sogar als „anarchistisch“ bezeichnen, ist für uns nicht nachvollziehbar, da wir selbst teils aus AnarchistInnen bestehen und diese POLITISCHE Bandbreite in unseren Flyern auch regelmäßig zum Ausdruck kommt.

Leitmotiv des Papiers der S38 scheint der vermeintlich antiautoritäre Anspruch zu sein. Für uns sieht es aber so aus, dass Dominanzverhalten von Leuten aus dem Haus immer wieder im Kneipenplenum zum Vorschein kommt, unter anderem, in dem sie sogenannte „Hausbeschlüsse“ dem Kneipenplenum vorsetzen, ohne diese in irgendeiner Weise vorher zur Diskussion gestellt zu haben.
Wir aber wollen in einem linken Freiraum genau den Raum öffnen, dass sich alle offen an einer Diskussion beteiligen können. Und dies auch über unsere eigene Subkultur hinaus. Wir sehen das Schnarup-Thumby Kollektiv nach wie vor als politischen und sozialen Freiraum, in welchem die unterschiedlichsten Gruppen mit ihren Auffassungen zusammenwirken.

Wir haben keine Lust, nur unpolitische Plakate aufzuhängen oder unpolitische Flyer auszulegen. Daher können wir es nicht nachvollziehen, warum immer wieder politischen Plakate – meistens speziell Plakate des Internationalistischen Abend – in den Räumen des Schnarup-Thumby verunstaltet werden.

Eure Diffamierung von Antirepressionskämpfen und Antiknastkämpfen sind für uns ein Synonym für Euer Verständnis von Konfliktlösung. Genauso wie ihr es nicht geschafft habt auf den zahlreichen Veranstaltungen von uns wie zum Beispiel zum Knastwiderstand in der Türkei oder zur Angehörigenorganisation des Baskenlands mal vorbeizuschauen um aus erster Hand authentische Infos zu bekommen, genauso wenig scheint ihr überhaupt bereit zu sein für eine gemeinsame Diskussion.

Wer sich mit der Geschichte der letzten 30 Jahren von Knastkämpfen auseinandergesetzt hat, wird wissen, dass der Hungerstreik im Knast eine lange Tradition hat, angefangen vom Dreck- und Hungerstreik in Irland (mit 10 Toten), über die Hungerstreiks der RAF (Stammheim etc), eben wie bei den Hungerstreiks der türkischen GenossInnen, deren Streiks sich im übrigen gegen die Einführung der F-Typ Gefängnisse (Isoknast made in Germany a la Stammheim) richtete, bis bin zu den anarchistischen Gefangenen in Griechenland, die erklärten, den Hungerstreik zur Not bis zur letzten Konsequenz durchzuführen, um endlich die ihnen verweigerte medizinische Behandlung zu erhalten, usw.
Wir finden es eher krass und schon fast menschenverachtend , wenn solche Veranstaltungen als „unerträglich“ bezeichnet werden, bei denen es um Menschen geht, denen als Möglichkeit des Widerstandes fast nix mehr geblieben ist. Ein Eckfeiler linker Politik war und ist immer die Solidarität mit den politischen Gefangenen, die ihr uns absprechen wollt.

Der internationalistische Abend – im übrigen seit 2001 unter diesem Namen und davor als Personen bereits in diesen Räumlichkeiten aktiv – hat von Anfang an im Rahmen des Frustschutz e.V. sich beteiligt an Diskussionen über die inhaltliche Ausrichtung der Freiräume des Schnarup-Thumby bzw. den Vereinsräumlichkeiten des Frustschutz e.V.
Die Zusammensetzung des Hauses hat sich in den Jahren oft geändert. Uns bekannte GenossInnen des Hauses waren aber bereits an der Ausarbeitung von Konzepten für den Erhalt des Hauses, z.B. über das Mietshäusersyndikat, beteiligt.
Ebenso gab es im Rahmen des Frustschutz e.V. eine gemeinsame Diskussion und ein Konsenspapier über die Gestaltung und das Selbstverständnis in den Vereinsräumen des Frustschutz e.V. – sprich Schnarup-Thumby.
Einiges von diesen Inhalten war ja in dem Selbstverständnis des Hauses ebenfalls zusätzlich festgehalten worden und mit diesem Selbstverständnis wurde Werbung gemacht bei potentiellen Bürgen für einen Hauskauf über das Mietshäusersyndikat. In dem Selbstverständnis des Frustschutz e.V., welches auf Nachfragen hin im Haus plötzlich nicht mehr auffindbar sei, wurden verschiedene Fragen bezüglich der Nutzung der Freiräume im Konsens festgelegt.
In dem Selbstverständnis des S38, mit dem bei potentiellen Bürgen geworben wurde, sind vor allem die vielen POLITISCHEN Veranstaltungen erwähnt, die eben teil des Konzeptes der Freiräume sein würden. Nun können sich hier die meisten sicherlich an zehn Fingern abzählen, von wem wohl die meisten dieser Politikveranstaltungen waren, die ja zu dem Zeitpunkt noch sehr wohl in das Konzept gepasst hatten.

Ein fairer Entscheidungsfindungsprozess sieht für uns anders aus, daher heißt es auch treffend in einer Selbstdarstellung zum „Frustschutz e.V.“: „der verein trägt sorge dafür, dass freiraum kein privileg der bewohnerInnen bleibt.“ (Gesamte Passage aus der Selbstdarstellung, siehe am Ende dieses Papiers).
Und in einer Broschüre von 2008 des Mietshäusersyndikats heißt es sogar: „Wir verstehen uns als ein soziales, linksradikales Projekt“ (…) „Dies soll unter anderem die politische Arbeit der BewohnerInnen und der Projekte unterstützen.“
Wir denken, dass die Polit-Vorwürfe gegen den IA überwiegend vorgeschoben sind, und wir befürchten, dass es manchen vom Haus eher um eine andere Nutzung der Vereinsräume geht, als wie es bislang vereinbart ist.

Wir treten weiterhin dafür ein, dass die Vereinsräume als autonome Freiräume erhalten bleiben, und deswegen werden wir auch nicht austreten. Und dafür wurde das Haus ja damals auch besetzt; dafür, dass diese Räume unter anderem für den Widerstand gegen Sozialabbau und gegen Repression genutzt werden.

Anhang

Passagen aus Selbstdarstellung (betrefflich des Häuserkaufs über das Mietshäusersyndikat) zu S38/Schnarup-Thumby/Frustschutz e.V.:

auszug aus der passage „das projekt“:
wir sind jedoch der ansicht, dass in einer zeit in der menschen im wesentlichen nach verwertbarkeit sortiert, vereinzelt und verbraucht werden, es für uns keine alternative zu einem leben miteinander und in selbstbestimmten strukturen gibt.
scharni will mehr sein als ein reines wohnprojekt. unser konzept des lebens miteinander in kritischer auseinandersetzung beinhaltet die nutzbarmachung des uns zur verfügung stehenden raumes auch für andere initiativen und gruppen.

Passage frustschutz e.v.
aus der scharni nicht wegzudenken ist der gemeinnützige „frustschutz e.v.“ und seine vereinsräume im hochparterre. der verein trägt sorge dafür, dass freiraum kein privileg der bewohnerInnen bleibt. hier finden u.a. treffen von politischen gruppen, informationsveranstaltungen und filmvorführungen statt. an mehreren tagen der woche gibt es für alle besucherInnen essen gegen spende, dass von verschiedenen gruppen in der vereinsküche gekocht wird. der „frustschutz“ gestaltet darüber hinaus auch das leben im stadtteil mit. ein beispiel ist die mitorganisation des straßenfestes in der rigaer straße im sommer 2003 unter dem motto „berlin umsonst“. getragen wird der verein von bewohnerInnen des hauses, gruppen und einzelpersonen aus dem stadtteil, die sich hier engagieren. entscheidungen werden auf vereinsplena und den jährlich stattfindenden hauptversammlungen in rücksprache mit dem hausplenum getroffen. im rahmen der sanierung und umgestaltung im frühjahr und sommer 2006 wurden die räume des frustschutz e.v. um den keller erweitert, so dass ab jetzt auch kulturelle veranstaltungen, wie z.b. konzerte möglich sind.

Auszug aus der passage „die scharni im friedrichshainer südkiez“:
„zum beispiel die geschichte der friedrichshainer hausbesetzungen, aus dem werdegang der scharni38 nicht wegzudenken ist. die erhalten gebliebenen hausprojekte sind heute noch bedeutende anlaufpunkte für selbstorganisiertes, nichtkommerzielles leben in berlin-friedrichshain. gerade in kulturellen und politischen bereichen bieten sie dringend benötigten raum für veranstaltungen unterschiedlichster art. so spielt die auseinandersetzung mit den aktuellen themen des sozialabbaus in der vernetzung der projekte untereinander und mit den bewohnerInnen des kiezes eine große rolle.“


1 Antwort auf „Stellungnahme zum Papier des S38“


  1. 1 ausmkiez 16. März 2010 um 9:31 Uhr

    „aus ers­ter Hand“ ;“au­then­ti­sche Infos“;“lange Tra­di­ti­on“;“zu­sam­men zu kämp­fen, egal ob hier in den Me­tro­po­len oder wo­an­ders in den Ghet­tos, den Ber­gen oder im Ur­wald.“

    sacht mal : aus welchem karl may band habt ihr denn abgeschrieben?

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.