Wir wollen nicht mehr! – Papier der S38 Bewohner innen

Papier der Scharnweberstr. 38 BewohnerInnen vom Sommer 2009
„Es geht uns hier nicht darum mit Druck den Ausstieg des Abends zu erzwingen, sondern dem Kneipenplenum klar zu machen, dasz wir die ganze Zeit schon mit etwas leben, was für uns untragbar ist. Es geht uns darum, im gemeinsamen Kneipenplenum eine Lösung für dieses Problem zu finden. Wir als Haus wollen uns eben nicht wie Vermieter innen aufführen und eine Kündigung/ einen Rausschmiss fordern. Wenn wir eine Gruppe wären, die nicht in diesem Haus wohnen würde, hätten wir das Kneipenkollektiv schon länger verlassen. Rein theoretisch könnten wir das Kneipenkollektiv verlassen, würden aber dadurch zu reinen Vermieter innen werden, was für uns unauflösbarer Widerspruch würde.“ Scharni38-BewohnerInnen, Sommer 2009

Seit einigen Jahren zieht sich ein Konflikt durch das Haus und Kneipenkollektiv. Seit einigen Jahren sind wir nicht in der Lage eine vernünftige Lösung für diesen Konflikt zu entwickeln. Die Rede ist vom Konflikt zwischen dem Bewohnerinnenkollektiv und dem Internationalistischen Abend.
Seit Jahren stagnieren die Diskussionen immer wieder an den selben Punkten. Immer wieder gibt es Debatten um Redeverhalten und Machtpolitik. Doch der Kern der Sache wird immer wieder übergangen: Die unvereinbaren politischen Vorstellungen der beiden Gruppen. Für uns als S38 Bewohner innen stellt sich die Politik des Internationalistischen Abends (infolge IA) als eine autoritäre dar. Egal ob es sich um die Heldenverehrung irgendwelcher Internationalist innen handelt oder die Überhöhung irgendwelcher sogenannter Völksbefreiungskämpfe, die verschiedenen Debatten über autoritäres Verhalten verlaufen unserer Ansicht nach immer ins Leere, weil sie am Kern vorbei gehen: Die autoritären Verhaltensweisen resultieren unserer Ansicht nach aus den autoritären Anschauungen und spiegeln sich in der dargestellten Struktur des IA wider. Wir als Gruppe verstehen uns- als antiautoritär und antinational. Immer wieder gab und gibt es Debatten über diese im Grunde unvereinbaren Standpunkte von uns und vom IA und wie diese doch miteinander machbar sein sollen mit dem Standardargument, dasz es so doch angeblich schon seit Jahren funktioniere.
Seit Jahren ist das Bewohnerinnenkollektiv damit unglücklich und inzwischen an dem Punkt angelangt, wo es nicht mehr mit dem IA weitermachen möchte. Seit Jahren verlassen immer wieder frustriert neue engagierte Mitbewohner innen das Kneipenkollektiv, weil sie nicht mit dem IA im Allgemeinen und W. im Speziellen zusammenarbeiten können.
Es geht uns hier nicht darum mit Druck den Ausstieg des Abends zu erzwingen, sondern dem Kneipenplenum klar zu machen, dasz wir die ganze Zeit schon mit etwas leben, was für uns untragbar ist. Es geht uns darum, im gemeinsamen Kneipenplenum eine Lösung für dieses Problem zu finden. Wir als Haus wollen uns eben nicht wie Vermieter innen aufführen und eine Kündigung/ einen Rausschmiss fordern. Wenn wir eine Gruppe wären, die nicht in diesem Haus wohnen würde, hätten wir das Kneipenkollektiv schon länger verlassen. Rein theoretisch könnten wir das Kneipenkollektiv verlassen, würden aber dadurch zu reinen Vermieter innen werden, was für uns unauflösbarer Widerspruch würde.
Noch einmal ganz klar: Es geht für uns inzwischen nicht mehr darum, wie wir eine gemeinsame Zusammenarbeit mit dem IA bewerkstelligen können, sondern um eine für beide Seiten faire Trennung.
Wir als das heutige Bewohner innenkollektiv bestehen in der jetzigen Form seit etwa 2005. Keiner von uns hat sich je die Zusammenarbeit mit dem IA ausgesucht, was andersherum genauso gilt. Aber wie soll eine faire Zusammenarbeit funktionieren, wenn eine Seite nicht mehr will und kann und sich dafür auch keinerlei Lösung vorstellen kann?
Wir empfinden die Veranstaltungen, Plakate, dargetragenen Meinungen und Verhaltensweisen als unerträglich – doch seit Jahren halten wir das aus. Wir haben häufig versucht die politischen Differenzen zu thematisieren und sind dabei immer nur in bestimmte Ecken gedrängt worden: Ob die jetzt antideutsch oder anarchistisch heißen (was jeweils nur für einzelne Mitbewohner innen vielleicht gilt) – und trotzdem hielten wir das aus.
Auf der letzten VV ist gefragt worden, warum es immer wieder zu Streitigkeiten kommt anstatt zu Gemeinsamkeiten. – Weil seit Jahren keinerlei gemeinsame Basis zwischen dem Hausbewohner_innenkollektiv und dem IA besteht und für uns auch nicht schaffbar ist oder wäre. Die Glorifizierung Todesfastender zu Märtyrer innen, Volksbefreiungskämpfe (seien es deren Protagonist_innen wie Tamara Bumke oder andere bzw. ihre angestrebten Institutionen oder Nationalstaaten, wie z.B. das Baskenland), Abfeiern der Realexistierenden (bzw. nicht mehr existenten) Staatssozialismen, aus politischen Vorstellungen resultierendes Dominanzverhalten, usw. stellen für uns keine Basis einer politischen Zusammenarbeit dar.

Nun könnte man argumentieren, dass die politischen Vorstellungen der unterschiedlichen Gruppen doch deren eigene Sache wären, nebeneinander existieren könnten und eine gemeinsame Raumnutzung nicht betreffen. Gebe es ein Gesprächsklima in dieser Kneipe, in dem unterschiedliche Meinungen fair miteinander debattierbar wären, könnten wir uns das auch vorstellen. Da aber seit Jahren immer wieder mit Diffamierungen und Provokationen Differenzen ausgetragen werden und die gemeinsamen Kneipenräume nicht als mehr oder minder neutraler linker Ort sondern als Agitierclub vom IL benutzt werden (man denke nur an all die Plakatdebatten…), sehen wie keine Möglichkeit für eine Klärung – denn wie erwähnt, für uns resultieren die autoritären Verhaltensweisen aus den autoritären Anschauungen. Wir können uns, nach Jahren der immer wieder versuchten und gescheiterten Zusammenarbeit, keine mehr vorstellen, sondern halten eine faire Trennung für die allerbeste und produktivste Lösung. Wie soll soll eine „faire“ Trennung aussehen? Diese Antwort können und wollen wir – gerade um nicht autoritär zu agieren – nicht alleine finden und stellen diese Frage an das gemeinsame Kneipenkollektiv.
Unumstößlicher Fakt ist und bleibt das der Konsens des Plenums des Hausbewohner_innenkollektivs die mittelfristige Beendigung der Zusammenarbeit mit dem IA ist.

Scharni-38 Bewohner_innen